Schlagwort: Psychologie

Artikel schreiben ist nicht schwer…

Jetzt ist es schon wieder fast zwei Jahre her seit meinem letzten Artikel. Ich habe seit Monaten einen Artikel im Kopf über die Renovierung meines Wohnzimmers und was alles schief gehen kann. Ich finde, das ist nach wie vor eine gute Idee, ich habe die Story, ich habe Bilder, ich habe Kassenbelege, ich habe sogar angefangen zu schreiben. Aber mir fehlt die Motivation zu Ende zu schreiben. In meiner Vorstellung ist der Artikel fertig geschrieben, alle Fakten sind auf dem Tisch, die Handlung ist abgeschlossen, die Storyline fertig. Nun ist es total reizlos, diesen Artikel zu schreiben; auf dem Weg gibt es nichts neues mehr zu entdecken. Keine unerwartete Wendung, die Rechercheergebnisse stehen bereits fest, ich brauche nur Quellen, die untermauern, was ich schreibe. Jetzt ist es also „nur Arbeit“ bis ich beim Ergebnis bin. Und irgendwie hört hier meine Motivation plötzlich auf. Warum?

Motivation #1: Neues erleben und lernen

Mich zwingt niemand, diesen Artikel zu verfassen. Ich erwarte auch keine finanzielle Vergütung dafür. Ich schreibe also ohne extrinsische Motivation. Willkommen in meinem wunderbaren Amateur-Verhaltenspsychologie-Labor um an meiner intrinsischen Motivation zu forschen!

Bei meinem Wanderurlaub mit einer Gruppe Freunde im Zillertal haben wir jeden Tag zusammen gegessen. Beim Frühstück habe ich mich gerne an Joghurt gehalten, den es immer in 500g Bechern gibt. Aber 500g sind zu viel, wenn es Frühstückseier, eine Brötchenauswahl und allerlei Gemüse gibt. So wurden die Joghurtbecher nicht sofort leer. Ich habe mich jedes mal diebisch gefreut, wenn ich einen angefangen Joghurt leer machen konnte, oder einen Rest Käse aufessen oder den letzten Schluck Tee aus der Kanne trinken. Als ich erzählt habe, dass ich mich immer freue, etwas leer zu machen, habe ich unerwartet Zustimmung bekommen; offenbar bin ich nicht der einzige Mensch, der sich darüber freut, ein leeres Marmeladenglas wegwerfen oder eine leere Packung aus dem Kühlschrank entfernen zu können.

Was mich dabei befriedigt ist nicht das Gefühl, zum wachsen der Mülldeponie beizutragen, sondern das Gefühl etwas abzuschließen, Platz für etwas neues machen zu schaffen. Umgekehrt habe ich auch festgestellt, dass es mich richtig ärgert, wenn Packungen mit einer Scheibe Käse im Kühlschrank bleiben oder wenn nur noch der letzte Schluck Saft in der Flasche ist. Auch wenn die Intension dahinter rational komplett nachvollziehbar ist: „Ich brauche nur eine Scheibe Käse, also kann ich eine zurücklegen.“

Ich liebe es einfach, „Mental Accounts“ abzuschließen. Das erste mal habe ich darüber in Daniel Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken“ gelesen. Kahneman beschreibt wie Fonds-Manager Verlust-Positionen weniger gerne schließen als Gewinn-Positionen, weil der Verlust und Gewinn nicht über das gesamte Portfolio gesehen, sondern der einzelnen Position zugeschrieben wird.

Motivation #2: Mentale Accounts schließen

In meiner Selbstbeobachtung stelle ich fest, dass ich Dinge gerne abschließe. Auch wenn ich die letzte Scheibe Käse eigentlich garnicht mag und ich auf den letzten Rest Joghurt verzichten könnte. Wenn ich die Flasche Saft wieder zurückstelle, muss ich sie morgen vielleicht wegschütten und das ist wiederum mit meinem Glaubenssatz, dass Lebensmittel nicht weggeworfen werden sollen, nicht vereinbar.

Im Gegensatz zum Frühstück wird mein unfertiger Artikel nicht schlecht, aber er ist dennoch ein offener „Mental Account“. Daran liegt es bestimmt nicht. Vielleicht brauche ich noch einen Glaubenssatz „Artikel sollten zu Ende geschrieben werden“?

Der Vergleich meines Artikels mit meinem Frühstück ist zugegeben nicht ganz treffend. Schließlich ist mein Frühstück selbst in guter Gesellschaft etwas privates; ich esse meine Käsebrot meist selbst und teile nur selten wie Susi und Strolch. Und genauso schreibe ich meine Artikel auch vor allem für mich selbst, aber die Teile ich wiederum sehr gerne mit einer Öffentlichkeit. Ich habe hier etwas mehr Verantwortung als für meine kulinarischen Sandwich-Experimente.

Vielleicht ist mein Artikel eher wie das Renovierungsprojekt, über das ich schreiben möchte. Der offensichtlichste Unterschied zwischen meinem Wohnzimmer und meinem Artikel ist, dass mein Wohnzimmer seit Ende März fertig ist, der Artikel noch immer nur in meiner Vorstellung existiert. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich mit einem unfertigen Artikel weit besser leben kann als in einer Wohnzimmer-Baustelle. Aber ohne zu viel vorwegzunehmen, saß ich auch bei dem Renovierungsprojekt völlig verzweifelt, desillusioniert und überfordert zwischen Säcken voll Kalkputz.

Als ich feststellen musste, dass ich viel zu optimistisch bei der Planung meines Projekts war, meine eigenen Fähigkeiten überschätzt habe – auch damit bin ich laut Kahneman in guter Gesellschaft – und mir klar wurde, dass ich hier ohne Hilfe von anderen nicht weiterkomme, war das ein ziemlicher Rückschlag. Ich war so demotiviert, dass ich einen Tag lang garnichts machen konnte.

In dem Moment, in dem ich festgestellt habe, dass ich Experten brauche, hab ich die Kontrolle über mein Projektergebnis verloren: Alleine würde ich hier nicht mehr weiterkommen. Und gleichzeitig hatte ich zunächst keine Idee, wer mir helfen sollte und was das kosten sollte. Das hat mich hart getroffen. Bis dahin habe ich mit wenig Erfahrung, viel Enthusiasmus und der Unterstützung von Freunden die Arbeitsschritte bis hierher erledigt.

Erst durch die Absenz von Kontrolle habe ich festgestellt, wie wichtig sie für meine Motivation ist: Solange ich selbstbestimmt arbeiten kann, andere sich nach mir und ich mich nicht nach ihnen richten muss und ich mir zutraue, das Ergebnis nach meinen Vorstellungen hinzubekommen, bin ich bereit viel Zeit, Geld und Energie zu investieren. Als ich einen Handwerker dazu holen musste, ich mich nach ihm richten musste und mir klar wurde, dass ich ab sofort eher eine Support-Funktion in meinem eigenen Projekt haben werde, ist meine Motivation etwas eingebrochen.

Motivation #3: Kontrolle und Selbstwirksamkeit

Ich bin Thomas, dem Handwerker, im Nachhinein sehr dankbar, dass er mit mir das Projekt zum Erfolg geführt hat: Es war nicht nur eine Freude, ihn beim Arbeiten zu erleben und seine Ergebnisse zu bestaunen, sondern er hat mich so eingebunden, dass ich das Gefühl hatte, wirksam zu sein. Selbst zum Erfolg beitragen zu können, die Ergebnisse der eigenen Arbeit sehen zu können motiviert mich nämlich sehr. Das gibt mir die Möglichkeit, auf die Makel meiner Arbeit stolz zu sein.

An dem Artikel darüber bin ich noch nicht so stolz. Ich habe über den Artikel mehr Kontrolle als über meine Baustelle und trotzdem ist der Artikel noch nicht so fertig wie meine Wohnung. Ich habe auch schon mehr Artikel geschrieben als Wohnungen renoviert und weiß, dass ich das hinbekomme. Warum ist meine Website trotzdem seit fast zwei Jahren verwaist?

Der Artikel ist öffentlicher als mein Wohnzimmer und ich damit abhängig vom Urteil Anderer. Wenn mir das gleichgültig wäre, würde ich einfach den Entwurf veröffentlichen. Offenbar habe ich einen eigenen Qualitätsanspruch. Solange ich nicht mit den Ergebnis zufrieden bin, möchte ich nichts veröffentlichen. Ich möchte zuerst stolz auf meinen Artikel sein. Will ich Lob dafür? Öffentlich würde ich das natürlich nicht zugeben, weil Eitelkeit kein vorteilhafter Wesenszug ist. Ich behaupte, dass ich diese Artikel „für mich“ schreibe – was zugegeben auch stimmt. Aber dir gegenüber gebe ich gerne zu: Ich will, dass Du, liebe Leserin, lieber Leser, diesen Artikel gut findest. Ich will, dass dich das Lesen bereichert, dass du hungrig wirst, damit du denkst „ein paar interessante Ideen, ich glaube, den nächsten Artikel lese ich auch“ und mir vielleicht sogar einen Kommentar schreibst.

Motivation #4: Soziale Akzeptanz

Wann ist der Artikel denn so, wie ich ihn haben möchte? Ich habe schon ein paar Artikel geschrieben, in unterschiedlichen Lebenslagen, über unterschiedliche Themen in unterschiedlichen aber konsistenten Stilen. Neben denen, die hier veröffentlicht sind, habe ich noch viele Entwürfe und noch viel mehr Ideen, die mich interessieren. Ob ich einen Artikel schreibe, hängt davon ab, wie leicht es mir fällt und ob ich ihn veröffentliche davon, ob ich meinem Ästhetikanspruch genüge und von meiner Erwartung Deiner Reaktion.

So gesehen eigentlich obligatorisch, dass ich Dich, liebe Leserin, lieber Leser, um eine Reaktion bitte 🙂

Noch ein Artikel über Dunning-Kruger, Imposter-Syndrom, Intelligenz und Selbstwert

Ich arbeite für einen Halbleiterhersteller. Auch wenn der Sommer 2024 in Texas ziemlich heiß ist, ist der Markt für Halbleiter eher kühl. Einzig KI boomt und ich gehe davon aus, dass dieser Trend, der Anfang 2023 mit der Veröffentlichung von ChatGPT 3 begonnen hat, das neue Normal ist.

Ich beschäftige mich seit 2019 mit künstlicher Intelligenz. Dabei gibt es gar keine allgemein anerkannte Definition von Intelligenz. Ist ein Auto intelligent, das mit einem vorgegebenen Ziel navigieren kann? Wie schnell kann man einem Kühlschrank das Autofahren beibringen? Wie misst man die Qualität von „Autofahren“ und lässt sich das auf Flugzeuge übertragen? Kann ebenjener Kühlschrank ein autonomes Fahrzeug entwickeln? Kann der Kühlschrank sich selbst entwickeln, mit Toastern und Brotbackautomaten eine Küchengerätezivilisation formen oder sich eine Welt ohne Kühlschränke vorstellen?

Es gibt auf jeden Fall unterschiedliche Formen und Qualitäten der Intelligenz. Um die messen zu können, gibt es auch unterschiedliche Formen von Intelligenztests. Der Stanford-Binet-Test differenziert zum Beispiel das logische Denken, das Wissen, das quantitative Denken, die visuell-räumliche Verarbeitung und das Arbeitsgedächtnis. Nicht abgebildet, aber definitiv unabdinglich für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist emotionale Intelligenz. Und ist Kreativität eine erlernbare Fähigkeit oder Intelligenz? Wahrscheinlich gibt es Aspekte der Intelligenz, von denen ich bisher nicht einmal weiß.

Täglich sehe ich die Ergebnisse menschlicher Intelligenz, lese davon in Büchern und wissenschaftlichen Artikeln (okay, zugegeben, meistens sind es Reddit-Posts). Ich höre Menschen, die mir einen Teil ihrer Geschichte erzählen. Oft genug bin ich nicht unmittelbar in der Lage zu erkennen, wie bewundernswert diese Menschen sind. Ich lebe mit meinen Vorurteilen in meiner eigenen Welt und erst im Nachhinein bin ich beeindruckt von der Intelligenz dieser Menschen: Es gibt so viele großartige Ideen in Wissenschaft und Technik, so viele außerhalb meiner Vorstellungskraft liegende Kunstwerke und so viele empathische und selbstlose Gesten.

Ganz bewusst will ich hier auf Beispiele verzichten, weil ich das als Wertung verstehe und unangebracht finde. Vielleicht hältst du als Leserin kurz inne und überlegst, welche großartigen Menschen dich zuletzt tief beeindruckt haben. Ganz gleich ob Uni-Prof, YouTube-Star oder langjährige Freundin.

Ich empfinde mich als Zwerg auf den Schultern von Riesen. Was mich auf der einen Seite mit Dankbarkeit und Demut erfüllt, lässt auf der anderen Seite meinen Beitrag unendlich klein erscheinen. Wer bin ich im Kontrast zu all diesen großartige Menschen? Dadurch, dass ich mich vor allem mit meinem Beitrag identifiziere, werde ich durch diese Skalierung auf einmal winzig klein und unbedeutend. Plötzlich habe ich keine Motivation mehr, etwas unbedeutendes beizutragen und alles was ich meine zu wissen und zu sein stelle ich in Frage.

Kann ich meine Intelligenz testen?

Selbstzweifel helfen mir, mich weiter zu entwickeln. Sie können auch hinderlich sein. Ironischerweise behindern sie mich vor allem bei meiner persönlichen Entwicklung. Selbstzweifel halten mich davon ab, mutig zu sein, etwas auszuprobieren, souverän im Gespräch mit anderen Menschen aufzutreten. Erkenne ich die Intelligenz der Menschen in meinem Umfeld, frage ich mich, was diese Menschen in mir sehen. Wenn ich nicht das Gefühl habe, etwas beizutragen, welche Intension könnte mein Gegenüber mit mir haben? Werde ich ausgenutzt, manipuliert? Nehme ich etwas nicht wahr, was mein Umfeld durchaus wahrnimmt? Zu viel Selbstzweifel können zu paranoiden Gedanken führen.

Unter der Annahme, dass Menschen bewusst, motiviert und rational handeln, gibt es so leider keine Möglichkeit die eigene Intelligenz zweifelsfrei zu testen.

Nehmen wir eine Maus in einem Labor. Sie ist aufgrund ihres Bedürfnisses nach Nahrung beeinflussbar. Deshalb kann man mit ihr Experimente durchführen. Findet sie einen Weg durch ein Labyrinth, wenn am Ende eine leckere Karotte wartet? Mit einer Belohnung kann man sie zu Kunststücken konditionieren. Können Mäuse rechnen? Muster erkennen? Können sie komplexe Verschlüsse an Futterboxen öffnen?

Experimente zeigen, dass die Maus im Käfig in der Erwartung einer Belohnung intelligent handeln kann. Aber sie kann nicht wissen, ob sie ihre Umwelt auf eine intelligente Art beeinflusst hat, um die Belohnung zu erhalten, oder die Umwelt sie beeinflusst hat, intelligent zu handeln.

Als Mensch bin ich durch meine Bedürfnisse genauso manipulierbar wie eine Maus. Wenn meine Umgebung mich also manipuliert, müsste sie das vor mir verschleiern. Wenn sich die Maus des Manipulationsversuchs bewusst wird, wird sie die Manipulation umgehen. Statt im Labyrinth zu laufen, kann sie auch auf den Wänden des Labyrinths viel schneller zum Ziel gelangen. Und plötzlich bietet mir Morpheus eine rote und eine blaue Pille an.

Solange mir diese Entscheidung nicht angeboten wird (und sogar, wenn mir diese Entscheidung angeboten wird), kann ich nicht widerlegen, dass meine Umwelt mich manipuliert. Ich habe keine Möglichkeit zweifelsfrei festzustellen, ob ich eigenmotiviert handele und aus mir selbst heraus intelligent bin, oder ob ich fremdgesteuert werde und jede intelligente Handlung von einer mir unbekannten Entität induziert wird.

Raus aus der Paranoia!

Folglich muss ich nun so handeln, als ob ich permanent manipuliert würde, oder? Abgesehen in von mit Handlungszwirblern gespickten Psycho-Thrillern, ist das weder hilfreich noch wahrscheinlich. Auch wenn wir mit Sicherheit permanent durch Werbung manipuliert werden, soll die vor allem unsere Kaufbereitschaft oder Wahlentscheidung fremdmotivieren. Allerdings können wir uns dieser Manipulation durchaus bewusst werden (und sollten das auch!) und es ist keine groß angelegte Verschwörung gegen uns.

Im direkten Kontakt mit unseren Mitmenschen fallen mir ab und an Interaktionen auf, die ich nicht richtig einordnen kann. Aber statt das auf eine bewusste, motivierte und rationale Manipulation zurückzuführen, sollte ich mich besser darin üben, ein ganzes Set von Rasiermessern anzuwenden. Oder um es mit den Worten von Alligatoah zu sagen:

Die Menschen sind nicht böse, die Menschen sind nur dumm.

Alligatoah – Musik ist keine Lösung

Wenn ich auf mich selbst schaue, versuche ich ein guter Mensch zu sein. Wie auch immer ich das definieren mag. Und trotzdem verletze ich viel zu oft unbeabsichtigt andere Menschen, weil ich mich ungeschickt verhalte oder etwas unbedachtes sage. Weil ich, obwohl ich mich für generell intelligent halte, dumme Sachen mache. So wie ich mir Vergebung und Nachsicht von meinen Mitmenschen erhoffe, möchte ich auch vergeben und nachsehen. Auch intelligente Menschen machen Fehler – ich sollte daraus lernen und sie nicht immer wieder machen.

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